
Aus den Tagebüchern der Sicherheitsbeauftragten der Düsseldorfer EG zu den Entwicklungen des zweiten Straßenbahn-Derbys
Ich erinnere mich noch genau. Eigentlich sollte es ein ganz normales Derby… äh… Duell werden. Ein Aufeinandertreffen mit sportlicher Substanz, in der Nachbarschaft, ein bisschen Tradition. Nichts, was man nicht mit einem souveränen Lächeln moderieren könnte. Als große DEG!
1. Akt: Ticketverkäufe gestoppt
Dann kamen sie….
Zuerst vereinzelt. Dann in Gruppen. Dann in ganzen Scharen.
Schwarz-Gelb. Laut. Koordiniert. Mit einer Choreo weit über den Gästeblock hinaus. Das war so nicht abgesprochen. Und das war so auch nicht von uns gewünscht und toleriert.
Es war, als hätte jemand die Besitzverhältnisse getauscht.
Natürlich habe ich mir nichts anmerken lassen. Man ist schließlich professionell. Wir sind ja nicht in Kölle... Landeshauptstadt. Traditionsverein. Maß aller Dinge in einer Liga, die sich ansonsten mit kleineren Vorstädten und Dorfvereinen herumschlägt. Wir stehen für Stil. Für Klasse. Für kultivierte Sportveranstaltungen. Aber innerlich stellte sich mir eine unangenehme Frage: Was, wenn das kein Zufall war? Was, wenn diese Menschen tatsächlich aus Liebe zu ihrem Verein kommen.
Unsinn. Die Erklärung musste eine andere sein. Es konnte nur an den Jungs und Mädels vom Ticketing liegen. Also analysierten wir. Und wir erkannten das Kernproblem. Man hatte Karten verkauft. An jedermann. Sogar an Krefelder. Sie kamen aus allen Ecken des Niederrheins. Ein Fehler, der sich nicht wiederholen durfte.
Man muss Dinge neu denken. Man muss Narrative lenken. Man muss verhindern, dass ein Derby…äh.. Duell zur akustischen Machtdemonstration wird. Nicht aus Angst, nein! Das wäre lächerlich. Sondern aus Verantwortung für unsere elitäre DEG!
Stellt euch vor, es passiert noch einmal. Noch einmal 5.000. Noch einmal eine Choreo der Superlative. Noch einmal dieses Gefühl, im eigenen Wohnzimmer Gast zu sein. Nein. Das war strategisch nicht tragbar.
Also stoppten wir den Verkauf. Vorsorglich. Weitsichtig. Bis zum 01.01.2026. Offiziell: organisatorische Gründe. Inoffiziell: Demütigungsprävention.
Man muss schließlich verhindern, dass Menschen auf die Idee kommen, Begeisterung könne geografische Grenzen überwinden. Dass Leidenschaft stärker sein könnte als Selbstverständnis.
Und sollte jemand behaupten, das Interesse in Düsseldorf sei vielleicht… überschaubar gewesen. Nun ja. Solche Thesen entbehren jeder Grundlage. Unsere Fans sind selbstverständlich zahlreich. Sie waren nur… terminlich gebunden. Kunstmesse. Business-Lunch. Dinge von Bedeutung. Das hier ist kein Eingeständnis. Wir sind die DEG. Wir kontrollieren die Rahmenbedingungen. Wir definieren, was ein Derby…äh.. Duell ist. Und wir sorgen dafür, dass Geschichte sich nicht wiederholt.
2. Akt: Getränke im Oberrang verboten
Jut. Der Kartenverkauf ist fürs Erste eingeschränkt. Ein guter Anfang. Aber man darf sich nichts vormachen: Diese unbändige Krefelder Schar aus Trinkern und Proleten findet Wege. Immer. Irgendwer kennt immer irgendwen.
Ich brauche einen Moment zum Nachdenken. Ich brauche ein Füchschen. Ich bin ja auch ein Fuchs. Also strategisch. Nicht im wörtlichen Sinne. Mit den Duisburgern möchte ich wirklich noch weniger zu tun haben. Was tun also, wenn sie trotzdem kommen?
Man muss ihnen das nehmen, was sie am meisten begehren. Teures Pappbier aus dem Plastikbecher. Aber wie setzt man so etwas durch, ohne dass es aussieht, als wolle man schlicht die Attraktivität eines Stadionbesuchs senken? Das wäre ja… durchschaubar.
Da war doch etwas. In der Vergangenheit gab es mehrere unangenehme Vorfälle mit Becherwürfen. Gegen die Ossis von den Lausitzer Füchsen, gegen Rosenheim (da hört die Freundschaft auf) und eben gegen Kaufbeuren. Natürlich alles nachweisbare Absicht! So ein Verhalten bin ich nicht gewohnt. Früher, in der DEL, lief das alles kultivierter. Damals handelte es sich nur um überschaubare Gruppen, die wir problemlos unten einsortieren konnten. Und die Kölner? Fast schon handzahm im Vergleich.
Aber jetzt? Jetzt spielen wir in einer Liga, in der Menschen offenbar Emotionen haben. Da kam mir die Idee. Was wäre, wenn wir.. rein aus Sicherheitsgründen, versteht sich.. Getränke aus dem Umlauf nehmen? Also nicht ganz. Nur dort, wo es gefährlich werden könnte. Zum Beispiel überall, wo man gut sieht. Oder laut ist. Oder schwarz-gelb trägt. Denn der Düsseldorfer macht so etwas nicht. Becherwürfe! Ein hervorragender Vorwand.
Denn wer will schon unser Stadion sehen, ohne dabei Bier zu trinken? Eben. Niemand. Ein zutiefst besorgniserregendes Verhalten. Das sind doch alles keine Fans. Fans konsumieren kontrolliert. Sitzend. Mit Würde.
3. Akt: Choreo verboten
Das kann doch nicht wahr sein. Unser Fanbeauftragter hat tatsächlich eine neue Choreoanmeldung aus Krefeld erhalten. Form- und fristgerecht. Mit detaillierter Auflistung jeder einzelnen Bewegung. Das sieht nach Planung aus. Das müssen wir um jeden Preis verhindern.
Denn in Düsseldorf weiß ja jeder. Unsere Fanszene ist seit Jahren ein Schandfleck.
Ein paar Jugendliche mit roten Schlauchschals, das war’s.
Also warten wir erstmal eine Woche. Und dann? Dann sagen wir die Choreo ab. Aber wie verpacken wir das?
Vor dem ersten Derby haben wir doch schon sinnlose neue Einschränkungen ins Leben gerufen. Banner nur noch in ausgewählten Bereichen des Gästeblocks. So 10 Meter für über 800 Fans. Fahnen reglementiert, Trommeln und Megaphone auf ein Minimum reduziert. Für alle gleich. Egal ob 20 oder 2000. Macht Sinn. Perfekte Ausrede. Sie haben gegen die neuen Regularien verstoßen.
Ich meine, es gab einen professionellen Einlassservice, exzellente Kontrollen, Sicherheitsstandards der Spitzenklasse. Aber wen interessiert das schon? Die hatten schlicht zu viel zu tun, keine Übersicht, was erlaubt war und was nicht.
Und außerdem. Was denken die, wer die sind? Den Spruch ändern, den sie angemeldet haben. Ich meine. Es ist nur eine kleine Formsache. Und hätten wir das gewusst, hätten wir das natürlich niemals verboten. Aber, so war das nicht abgesprochen! Da sollte etwas ganz anderes stehen.
An Rivalität sind wir nicht interessiert. Ein Derby? Ist ja eh nur gegen Kölle. Alles andere würden wir sowieso verbieten. Äh, nicht verbieten. Also sagen wir den Scheiß einfach ab. Sie werden das schon hinnehmen…
…Verdammt. Sie haben sich gemeldet. Mit einer Antwort. Konstruktiv. Sachlich. Einordnend. Was für ein Frevel. Die trauen sich, zu diskutieren. Ihren Mund aufzumachen. Einfach so. Als wären sie wirklich an einer Lösung interessiert.
Aber das alleine ist dünn. Wie sind eigentlich all die Schals in den Heimbereich gekommen?
Offensichtlich ausgegeben. Wer käme auf die verrückte Idee, sich in Düsseldorf zu treffen, zu organisieren und dann mit Schals zum Stadion zu laufen? Niemand. Ganz sicher nicht. Wir sagen also einfach, man wäre bewusst in den Heimbereich gelangt, um die Fans mit Schals auszustatten. Das soll dann aber auch reichen. Wer sind wir, dass wir uns rechtfertigen müssen?
4. Akt: Absurde Materialbeschränkungen
Ich hab es ja schon gesagt: Wir haben uns etwas Feines ausgedacht. Wir beschränken einfach die Materialmitnahme für Gästefans. Warum? Weil wir nicht an Stimmung interessiert sind. Natürlich nicht. Bürokratische Schleifen, unkontrollierte Regulatorik. Alles nur ein Deckmantel. Ein subtiler Hinweis darauf, dass wir kein Interesse an Gästefans haben, die uns regelmäßig in Grund und Boden schreien.
Und dann kommen die Krefelder wieder mit der nächsten Nummer. Sie melden Material an. Transparent. Offen. Keine Geheimniskrämerei. Sie erbitten eine Ausnahmeregelung. Abgelehnt! Die Regeln gelten für alle. Ob das sinnvoll ist oder nicht? Egal. Ich mache die Regeln nicht… oder vielleicht doch. Muss ja keiner wissen.
Was lese ich da? 400 Stockfahnen, alle unter 1,50 Meter!
Unvorstellbar. Das ist doch wieder ein Plan. Wahrscheinlich eine optische Alternative zur Choreo, die wir zuvor abgelehnt haben. Wir wollen keine optischen Akzente der Gäste, die unsere eigene Vorstellungskraft sprengen. Wenn unsere Fans sich nicht ins Zeug legen, sollen es die anderen schon mal gar nicht.
Jetzt muss ein runder Abschluss her. Ein Entgegenkommen. Wir erlauben 100 Fahnen. Natürlich nur, wenn die Krefelder innerhalb von 48 Stunden für jede einzelne ein B1-Zertifikat (schwer entflammbar) vorlegen. Und diese Zertifikate müssen selbstverständlich am Spieltag mitgeführt werden. Das die Fahnen nach unseren eigenen Regularien uneingeschränkt zulässig sind, lassen wir mal außen vor. Es ist immerhin ganz klar eine Choreo-Alternative! Außerdem bestimmen wir penibel, wie die Fahnen verpackt werden müssen. Notwendig, versteht sich. Denn Schals, Fahnen und ähnliches kennt man bei uns ja nur aus dem Internet. Potentielle Risiken. Die Jacken der 13.000 Zuschauer, die irgendwo in der Halle verstreut liegen, sind schließlich auch alle schwer entflammbar. Die sind ja harmlos.
Wer Eishockey in Düsseldorf erleben will, hat sich daran zu halten. Wir bieten immerhin ein Erlebnis der Superlative. Und im Vergleich zu anderen Vereinen sind unsere Einschränkungen noch geradezu human. Glaube ich. Koordinierter Support, ein Megaphon, das reicht völlig. Singen tun ohnehin nur fünfzig Leute von denen.
Und wenn unsere Jungs erst einmal „Landeshauptstadt“ anstimmen, gibt es kein Halten mehr. Ja, sind wir im Wald hier…
5. Akt: DEG - Feinde der Fankultur
Also, noch einmal in aller Deutlichkeit: Mein Meisterplan ist vollendet. Kartenverkauf gestoppt. Getränke im Oberrang verboten. Choreo abgelehnt. Material strikt reglementiert. Jeder Schritt ein kleiner Triumph der Ordnung. Ein Statement: Ich mache die Regeln! Ich bestimme, wie Fankultur gelebt wird.
Sollen sie doch kommen, die Vor-Meerbuscher. Ein Volk, dass nur für den Sport zu leben scheint. Und wenn es auch nur die kleinste Abweichung von meinen endlosen Regeln gibt? Dann schmeiße ich sie alle raus! Auch mit den Bull.. mit der Polizei!
In Düsseldorf wird Eishockey geschaut, nicht gelebt. Emotionen? Unerwünscht. Deshalb bauen wir auch die ``neuen´´ Steher in der West wieder zu mobilen Stehern um. Wir sind schließlich nicht beim Fußball. Fankultur muss Grenzen haben. Und wenn mir die Nase nicht passt? Dann zieh ich sie mir so wie es mir gefällt.
Fankultur erhalten! Absurde Beschränkungen für Gäste aufheben!
Fankultur lebt von Leidenschaft, Kreativität und Mitgestaltung. Sie entsteht nicht nur auf dem Eis, sondern vor allem auf den Rängen. In Choreos, Tifo, beim gemeinsamen Anfeuern. Einschränkungen und Reglementierungen für Gästefans können diese Kultur massiv beeinträchtigen. Selbst, wenn sie formal als „Sicherheitsmaßnahmen“ oder „organisatorische Vorgaben“ verkauft werden, wird die Grenze zwischen notwendiger Vorsicht und reiner Schikane längst überschritten.
Es entsteht ein künstlich kontrolliertes Umfeld, in dem Begeisterung nur in erlaubten Bahnen fließen darf. Doch echte Fankultur lebt von ungebändigter Energie: von Stimmung, die ein Stadion zum Leben erweckt. Gerade auswärtige Fans tragen entscheidend zur Atmosphäre bei. Sie bringen Akustik und Emotionen, die ein Spiel zu einem unvergesslichen Erlebnis machen. Für alle, egal ob auf den Sitzplätzen, in der Kurve oder im Business Club.
Die Einschränkungen der letzten Jahre zeigen, dass wir in vielen Stadien dieser Liga an der Schwelle einer unkontrollierten und undurchsichtigen Reglementierung des Stadionerlebnisses stehen. Jede neue Verordnung, jede scheinbare „Sicherheitsmaßnahme“ kann die spontane Freude, die Leidenschaft und das Gemeinschaftsgefühl der Fans untergraben.
Fankultur lebt von Freiheit. Statt fadenscheinige, pauschale Verbote auszusprechen, sollten liga weite Standards für Gästefans geschaffen werden. Transparente Regeln, klare Kommunikation und gegenseitige Rücksichtnahme können Sicherheit und Atmosphäre vereinen.
Absurde Beschränkungen aufzubrechen bedeutet nicht, Sicherheitsstandards zu vernachlässigen. Es bedeutet, die Grundlage von Leidenschaft, Zusammenhalt und echter Begeisterung zu bewahren. Für unseren Sport.
Steht auf für euren Verein. Für eure Stadt und die Leidenschaft, die uns allen innewohnt.
Nur der KEV!
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